Highway 50

Reiseroute: Entdecken Sie die “Einsamste Straße Amerikas” im Norden

Es ist so still auf dem Pass nahe Middlegate am Highway 50, dass sogar der Wind den Atem anzuhalten scheint. Schnurgerade verläuft die Straße hinab in eines der gigantischen Täler, die Nevada durchziehen und in weiter Ferne wieder hinauf, über den nächsten Gebirgspass. Es ist kein Auto in Sicht, kein Haus, kein Mensch. Nichts als die leere Straße, und die enorme Weite dieser majestätischen Landschaft füllt den Blick. Kein Wunder, dass man die 650 km lange Trasse, die sich durch Nevadas Wildnis windet, den „Loneliest Highway“, die einsamste Straße Amerikas, nennt. Eingerahmt ist sie von zwei Naturwundern: vom Great Basin National Park im Osten, wo die bizarren Sandsteingebilde der Lehman Caves wie erstarrte Quallen und Kristalllüster wirken und vom Sand Mountain im Westen, einer riesigen Sanddüne nahe Fallon, die ein Abenteuerspielplatz für Wanderer, Sand-Boarder und Dune Buggies ist. Auf der langen, einsamen Straße dazwischen finden sich ganze drei Ortschaften: einsame Außenposten der Zivilisation.

Ponys, Waisen und Indianer

1860 und 1861 war dies die Route des berühmten Pony Express, in dessen Diensten “junge Knaben, vorzugsweise Waisen” – so die Zeitungsanzeigen – in ihren Satteltaschen Postsendungen von St. Joseph am Missouri River über die Rockies und die Sierra Nevada nach Sacramento trugen. 3200 km in einem frenetischen Staffellauf von nur zehn Tagen: 15 bis 20 km lagen die Stationen auseinander, an denen frische Pferde bereitstanden, ein jeder Reiter absolvierte um die 150 km. Der Pony Express verkürzte den Nachrichtenaustausch zwischen dem Herzland des jungen Amerikas und der Westküste von mehreren Monaten Seeweg auf wenige Tage über Land. So erreichte die Nachricht von Lincolns Sieg der Präsidentschaftswahl im Jahr 1860 Kalifornien nach nur acht Tagen – eine wahre Sensation. Der Pony Express war jedoch ein gewagtes Unternehmen, das Reiter und Pferde zahlreichen Gefahren aussetzte.

35 Stunden im Sattel

Hier sponn sich der Stoff, aus dem die Mythen des Wilden Westens gewoben sind. Nahe Cold Springs erinnert noch heute eine Tafel an „Pony Bob“ Haslam, der im Mai 1860 sage und schreibe 611 km in fünfunddreißig Stunden ritt, nachdem er zuerst ohne frisches Pferd auskommen musste, um dann seinem Ablösereiter aus Angst vor einem Indianerangriff abzuwinken. Als Haslam schließlich in Cold Springs eintraf, sah er mit Entsetzen, dass Paiute-Indianer den Stationsvorsteher getötet und die Pferde gestohlen hatten. Übermüdet, aber unerschrocken setzte er seinen Weg fort und erreichte sein Ziel, nur wenige Stunden nach Plan. Heute, über 150 Jahre später, ist Eile auf dem Highway 50 nicht länger geboten. Die sich scheinbar endlos dahinstreckende Weite bewirkt auch bei 100 km/h ein fast meditatives Gefühl der Verlangsamung. Die Zeit scheint stillzustehen und bald dreht sie sich zurück ins neunzehnte Jahrhundert.

„The middle of nowhere“

35 km östlich von Sand Mountain erreicht man an der Middlegate Junction eine alte Pony Express-Station. Bis heute kann man hier sein Pferd am Balken vor der Veranda anbinden. An der quietschenden Tür verortet ein Schild den Besucher in „the middle of nowhere“. Dahinter verbirgt sich das gemütliche Diner von Fredda und Russell, wo nach Meinung der Highway 50-Anwohner der beste Hamburger der Gegend serviert wird. Aber Achtung: Der Monsterburger ist eine echte Herausforderung! Doch Stärkung tut Not, denn bis zur nächsten Ortschaft führt die Straße durch 100 km Einsamkeit.

Glücksritter aus aller Welt

Wenn man diese durchquert hat, taucht hinter einem Anstieg schließlich Austin auf. Nachdem 1860 ein Reiter des Pony Express über einen Klumpen Silber stolperte, entstand hier eine Stadt mit zehntausend Einwohnern. Heute leben kaum 200 Menschen in Austin, doch die Grabsteine auf dem Friedhof erinnern an die vielen Glücksritter, die aus aller Welt hierher kamen. Historische Gebäude wie das „Stokes Castle“, eine italienisch inspirierte Villa, zeugen vom einstigen Reichtum Austins. Das „Hotel International“ wurde 1863 aus dem 270 km entfernten Virginia City hierher transportiert, als Austins Silberminen boomten. Heute beherbergt das „International“ ein Restaurant und einen Saloon. Es gibt somit drei Saloons in Austin, aber keinen Supermarkt. Zum nächsten Krämerladen führt der Weg hinaus aus Austin, vorbei an einem Wegweiser zum „einsamsten Golfplatz Amerikas“, 113 km durch enorme Täler und über kleine Gebirgsketten und „schon“ steht man vor Raines Market in Eureka: „Lebensmittel – Kleidung – Verschiedenes“ verspricht das Ladenschild und wirklich – hier gibt es einfach alles. Von den Wänden, über den dicht gestopften Regalen, blicken kunstvoll präparierte Büffel, Hirsche und Antilopen auf die Kundschaft herab, denn hier draußen jagt man seinen Hamburger am besten selbst. Daneben besticht das 600-Seelen-Örtchen mit seinem alten Opernhaus und dem Gerichtsgebäude von 1876 –  stumme Zeugen der glanzvollen Vergangenheit.

Eisernes Pony: Die alte 93

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ersetzte freilich die Eisenbahn zunehmend die Pferde als Beförderungsmittel. Im 120 km entfernten Ely, einer alten Kutschen-Station mit heute 4000 Einwohnern, wird am Bahnhof mit dem Northern Railway Museum die jüngere Vergangenheit des Wilden Westens gepflegt: Die Dampfloks, die einst Kupfererze transportierten, sind bis heute in Betrieb – darunter auch die majestätische Nummer 93 aus dem Jahre 1909. „Was fällt Ihnen sonst aus der Zeit Ihrer Urgroßeltern ein, das heute noch benutzt wird?“, fragt der Museumsdirektor Mark Bassett stolz. „Die kugelsichere Technik der alten 93 ist unverwüstlich“.

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