Geisterstädte

Glücksritter, Gold und geplatze Träume: Nevadas Gold- und Silberrausch

Blinkend lockt das Schild an der Tonopah Station. „Roll the dice for a free night!“ Wer einen Dreierpasch würfelt, übernachtet hier umsonst. An diesem Abend fallen die Würfel für eine Familie glücklich: drei Vieren. „Mom!“, ruft der Junge aufgeregt, „wir haben gewonnen!“

Noch immer wirkt der Glücksritter-Geist in den alten Gold- und Silberminenstädtchen Nevadas – einarmige Banditen gehören überall zum Mobiliar. In der Tonopah Station füttert eine asiatische Dame mit dauergewelltem Haar die Pennyslots, gleich daneben beschwört ein Cowboy mit wettergegerbtem Gesicht unterm Stetson die Melonen, Kirschen und Siebenen, die klingelnd vor ihm rotieren. „Come on, baby“, raunt er. „Ka-Ching!“ macht weiter hinten im Saal eine Maschine und spuckt klimpernd ein paar Münzen aus.

Silberfund! Die Geburt Nevadas

Nevada, benannt nach der nahen Sierra Nevada, gründet sich auf Glücksrittertum. Fast ein Jahrhundert, bevor die Halbweltler um Ben „Bugsy“ Siegel ihre Visionen von Las Vegas verwirklichten, gab 1859 die Entdeckung von Silbervorkommen in den Bergen unter Virginia City den Anstoß zur Formierung des Nevada Territory. Tausende Abenteurer aus allen Landes- und Erdteilen folgten dem Traum vom Glück in die Silber- und Goldgräbercamps. Der Bergbau boomte, und nur drei Jahre später wurde Nevada zum 36. amerikanischen Bundesstaat.

Relikte dieser aufregenden Zeit finden sich bis heute überall. Kaum anderswo in den Vereinigten Staaten gibt es so viele Geisterstädte wie in Nevadas Hinterland. Von manchen sind nur noch ein paar Mauerreste übrig, andere wirken mit pompösen Fassadenfragmenten, vergilbten Ladenfronten und im Wind wackelnden Schildern wie Fenster in eine längst vergangene Zeit.

Geisterstädte: Geschichte des Westens

Verlässt man Las Vegas auf dem Highway 95 Richtung Tonopah, erreicht man bald eine Strecke, auf der sich einige der schönsten Geisterstädte Amerikas aneinanderreihen – Carrara, Rhyolite und Bonnie Claire. Einige, wie Beatty, Goldfield und Tonopah, sind bis heute bewohnt, aber reich an Geschichte und architektonischen Relikten aus den Schürfertagen, als Nevadas Wüste plötzlich das Versprechen von Wohlstand und Vermögen barg. In Rhyolite, auf halber Strecke zwischen Las Vegas und Tonopah, am Rande des Death Valley gelegen, erfüllte sich dieses Versprechen vielleicht am eindrucksvollsten – wenn auch nur kurz.

Das Tor zum Death Valley ist Beatty, das während des Schürferbooms zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand und dessen gut eintausend Einwohner noch heute von den Schätzen der Vergangenheit leben. In einem Trödelladen am Rande des Highway 95 sitzt zwischen antiken Petroleumlampen, gußeisernem Kochgeschirr und alten Porzellanfiguren ein älterer Herr in Jeans und Schlapphut. „Rhyolite“, sagt er sinnend. „Das ist vielleicht eine verrückte Geschichte! Sie sollten sich das Städtchen unbedingt anschauen, es liegt hier gleich um`s Eck.“

Der goldene Ochsenfrosch

In den nahe gelegenen Bullfrog Hills fanden 1904 zwei Schürfer seltsame grüne Brocken, durchsetzt von gelben Metallstücken. Das Metall erwies sich als Gold. Aus der Handvoll Schürfercamps, die in Windeseile in der kargen Landschaft emporwuchsen, schwang sich eines – Rhyolite – binnen zwei Wochen zu einer Stadt von 1200 Einwohnern auf. Die Siedlung lag direkt an der vielversprechendsten Mine und zwei Jahre später stand hier eine Stadt mit zehntausend Einwohnern, 53 Saloons, 19 Hotels, zahlreichen Restaurants, mehreren Zeitungen und einer öffentlichen Badeanstalt. Es gab elektrische Straßenlampen, Telefonanschlüsse, drei Banken, eine Börse, einen Bahnhof und ein Opernhaus. Die Hauptstraße trug den passenden Namen Golden Street, und die dreistöckige Cook Bank protzte mit Treppen aus italienischem Marmor und Mahagoni-Mobiliar.

Heute ragt der Fassadenrest wie ein sinkendes Schiff in den ewigblauen Himmel Nevadas und der Wind pfeift durch die leeren Fensterrahmen. Von der zentralen Kreuzung der Gold Center Road und der Golden Street ist nur noch ein Schotterpfad übrig, über die der Wind Tumbleweeds bläst. Die Ladenfront des Rhyolite Mercantile ist verbarrikadiert, und von der Miner´s Hall sind bloß noch kniehohe Mauerreste übrig.

Pomp und Pleite

Denn das Gold von Rhyolite lagerte statt in dicken Adern in dürren, fragmentierten Schnüren im Gestein. 1909 begann der Exodus und 1910 zählte Rhyolite kaum noch 700 Einwohner. Das Postamt und die Banken schlossen, der Bahnhof blieb leer, die Pracht verfiel. Kaum fünf Jahre nach dem großen Boom war der Rausch bereits wieder vorbei. Neben dem abgezäunten Bahnhofsgebäude im Kolonialstil ist das einzig intakte Haus, das sich heute noch in Rhyolite findet, das Flaschenhaus des Grubenarbeiters Tom Kelly. Aus dreißigtausend ungespülten Bierflaschen soll Kelly das Haus 1905 gebaut haben – eingesammelt in den örtlichen Saloons, wo keine Knappheit an leeren Flaschen bestand.

„Ist doch fast schon Ironie, oder?“, meint der Mann mit dem Schlapphut, aus Beatty. „Weder Marmor noch Gold haben die Zeit überdauert. Aber die Bierflaschen – die sind geblieben!“